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So erkennst du Gewalt in der Pflege und reagierst richtig

Immer wieder kommt es zu Gewalt im Kontext des Pflegeberufs. Diese Gewalt kann sich sowohl gegen pflegebedürftige Personen richten, als auch gegen die Pflegenden selbst. Auch untereinander sind Pflegebedürftige nicht selten Gewalt ausgesetzt und Pflegende gefragt zu intervenieren.

 

Wie kein anderer Beruf ist der Pflegeberuf von zwischenmenschlichen Begegnungen geprägt, die häufig mit einer Überschreitung der Privat- und Intimsphäre von Menschen einhergehen. Umso wichtiger ist es, dass diese Begegnungen auf einer menschenwürdigen und respektvollen Ebene stattfinden.

 

In den 16 Jahren meiner beruflichen Tätigkeit als Gesundheits- und Krankenpfleger bin ich – wie wahrscheinlich die meisten Pflegenden – immer wieder mit Situationen von Gewalt in der Pflege konfrontiert worden. Nicht immer wusste ich sofort, dass es sich um Gewalt handelte und nicht immer wusste ich auf Anhieb, wie ich mich in der jeweiligen Situation verhalten sollte.

 

Dieser Artikel soll Pflegenden dabei helfen, die Formen der Gewalt in der Pflege kennenzulernen, um sie im Arbeitsalltag zu erkennen und ihnen vorzubeugen. Aber auch um zu wissen, wie man sich verhalten sollte, wenn man als Pflegeperson Zeug:in, Täter:in oder Opfer von Gewalt im Arbeitskontext wird.

Inhaltsverzeichnis

    Definition: Was ist Gewalt in der Pflege?

    Um Gewalt im Pflegekontext zu erkennen, reagieren zu können oder im besten Fall zu vermeiden, ist es wichtig, zu wissen: Wobei handelt es sich überhaupt alles um Gewalt? 

    Der Spitzenverband der DGUV (Deutsche gesetzliche Unfallversicherung) definiert Gewalt in „Begriffe zum Thema Gewalt“ 2016 wie folgt:

    Gewalt wird meistens als eine schädigende Einwirkung auf Andere verstanden. Gewalt kann psychische oder physische, statische oder dynamische sowie direkte oder indirekte Formen annehmen.

    Ein engerer Gewaltbegriff, auch als „materialistische Gewalt“ bezeichnet, beschränkt sich auf die zielgerichtete, direkte physische Schädigung einer Person.

    Der weiter gefasste Gewaltbegriff bezeichnet zusätzlich die psychische Gewalt z. B. in Form von verbaler Gewalt, Deprivation und emotionaler Vernachlässigung.“

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    Welche Formen von Gewalt in der Pflege gibt es?

    Die Definition der DGUV zeigt: Gewalt in der Pflege kann also viele Formen annehmen: 

    Physische Gewalt

    Dies beinhaltet Handlungen, die zu körperlichen Verletzungen führen. Beispiele hierfür können sein: 

    • Schlagen, Stoßen, Kratzen, Schütteln oder absichtlich zu grob anfassen
    • freiheitsentziehende Maßnahmen oder Einschränkung der Bewegungsfreiheit  (z. B. durch Vorenthalten eines Rollstuhls oder Rollators)
    • Verweigerung von notwendiger physischer Hilfe, zum Beispiel beim Aufstehen, Gehen oder bei der Körperpflege.
    • Medikamente verabreichen, die nicht verordnet sind, um die pflegebedürftige Person ruhigzustellen
    • zum Essen zwingen oder keine Schluckpausen lassen

    Psychische Gewalt

    Psychische Gewalt ist weniger offensichtlich und von außen nicht immer leicht zu erkennen. Beispiele hierfür sind:

    • religiöse oder kulturelle Gebote missachten
    • die pflegebedürftige Person erniedrigen, beleidigen oder über den Kopf hinweg sprechen
    • Einschüchterungen und Drohungen
    • soziale Kontakte vorenthalten oder erzwingen
    • geäußerte Wünsche und Bedürfnisse ignorieren oder bagatellisieren

    Sexualisierte Gewalt

    Dieser Form der Gewalt ereignet sich häufig im Verborgenen, da die Betroffenen aus Scham oft schweigen. Beispiele sind:

    • Verletzung der Intimsphäre, z. B. unnötig langes Entblößen
    • sexuelle Handlungen ohne Zustimmung
    • Unerwünschte sexuelle Kommentare oder Anspielungen
    • Druckausübung oder Erzwingen sexueller Aktivitäten

    Finanzielle Gewalt

    Finanzielle Gewalt fängt schon damit an, unerlaubt Kontoauszüge einzusehen, hin zu schwerem Diebstahl. Beispiel für diese Form von Gewalt sind:

    • Diebstahl von Geld oder Eigentum
    • Pflegebedürftige zu Geschenken oder Vollmachten überreden
    • Geschenke oder Geld vorenthalten

    Vernachlässigung

    Gewalt kann auch stattfinden, indem etwas nicht getan wird, oder wenn der Schaden einer Person nicht offensichtlich oder mittelbar eintritt, aber billigend in Kauf genommen wird.

    • nicht aufs Klingeln reagieren, lange auf Hilfe warten lassen
    • emotionale Bedürfnisse ignorieren
    • Grundversorgung vernachlässigen oder vorenthalten
    • nicht ausreichend auf Sicherheit (z. B. beim Duschen oder Treppensteigen achten)
    • mangelhafte Wundversorgung oder Hygiene

    Beispiele für Gewalt in der Pflege

    Ein Beispiel, das jeder Pflegeperson in der ein oder anderen Form bereits begegnet sein dürfte:  Eine pflegebedürftige Person nutzt den Patientennotruf (die Klingel) in ausnehmend hoher Frequenz und klingelt alle 10 Minuten für scheinbar belanglose Wünsche oder auch nur „aus Versehen“.

    Hier drei Beispiele für mögliche (sowie unangemessene) Reaktionen, die bereits als Gewalt zu beurteilen sind:

    1. Die pflegebedürftige Person „erziehen“ wollen, indem man als zuständige Pflegeperson nicht direkt reagiert.
    2. Den Auslöser für den Patientennotruf außer Reichweite legen oder den Stecker ziehen. 
    3. Die Klingel von einer zentralen Bedienstelle aus ausschalten und ignorieren.

    Dieses Beispiel verdeutlicht auch, wie alltäglich Gewalt in der Pflege sein kann. 

    An wen richtet sich Gewalt in der Pflege?

    Gewalt gegen Pflegebedürftige

    Pflegebedürftige Menschen sind auf die Hilfe anderer angewiesen. Sie haben oft keine andere Wahl, als den Menschen, die mit Ihrer Fürsorge betraut sind, zu vertrauen, dass diese ihren Aufgaben mit einem hohen Maß an Verantwortungsbewusstsein nachkommen. 

    Nicht selten fehlen pflegebedürftigen Personen auch die Möglichkeiten, gegen sie begangene Akte der Gewalt bezeugen zu können, beispielsweise, wenn sie an einer Demenzerkrankung leiden. 

    Die pflegende Person hat damit eine gewisse Macht über die pflegebedürftige Person, die sie auch missbrauchen kann. So furchtbar die Vorstellung des ausgeliefert seins für jeden Einzelnen von uns ist, so sehr ist diese Situation jedoch normal im Verhältnis zwischen Pflegepersonen und Pflegebedürftigen. Umso wichtiger ist es, dass jede Person, die in der Pflege arbeitet, diesem Machtgefälle mit einem hohen Maß an Verantwortung begegnet. 

    Leider habe ich immer wieder erlebt, wie ebendieses Machtgefälle zu Situationen der Gewalt gegenüber Pflegebedürftigen geführt hat. Dabei handelte es sich nicht immer um willentlichen Machtmissbrauch, in vielen Fällen führte die schiere Überlastung meiner Kolleg:innen zu jenen gewalttätigen Handlungen. 

    Damit möchte ich dieses Verhalten nicht entschuldigen. Ich möchte es aber gegenüber der Gewalt abgrenzen, die mutwillig stattfindet: Mir sind in der Pflege bisweilen Menschen begegnet, bei denen ich das Gefühl hatte, dass sie diesen Beruf nur gewählt haben, weil sie dadurch diese Macht über andere, hilflose Menschen erlangten. Je nach Grad der Subtilität ihres Verhaltens ist es für andere Kolleg:innen häufig schwer, diese Form von Gewaltausübung zu erkennen. 

    Und es ist noch viel schwerer, hier ein Fehlverhalten nachzuweisen, insbesondere, wenn die Pflege nicht im Kontext eines Teams stattfindet, sondern beispielsweise im Rahmen der ambulanten Pflege fernab jeglicher sozialer Kontrolle.

    Es kommt aber auch immer wieder zu tatsächlicher physischer Gewalt gegenüber Pflegebedürftigen hin zu den Extremfällen der sogenannten „Todesengel“. Die Motive für ein solches Verhalten reichen hierbei vom Frust durch Überforderung bis zu einer psychischen Erkrankung der Pflegeperson.

    Gewalt gegen Pflegekräfte

    Auch diese Form der Gewalt findet mal mehr, mal weniger offensichtlich statt und wird meiner Erfahrung nach viel zu häufig bagatellisiert. Sei es das „versehentliche“ Grabschen einer zu pflegenden Person bei der Grundpflege, verbale Aggressivität psychisch kranker Pflegebedürftiger oder physische Gewalt wie schlagen, beißen, treten oder kratzen.

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     Meiner Erfahrung nach nehmen viele Pflegende Gewalt von Pflegebedürftigen gegen sie bis zu einem gewissen Grad einfach als gegeben hin: Die Pflegebedürftigen seien ja krank, sie wüssten ja nicht, was sie da tun, das gehöre halt zum Beruf dazu. Letzteres mag zutreffen. Dennoch ist es aus meiner Sicht wichtig, dieses Verhalten nicht einfach hinzunehmen, sondern zumindest mit anderen Personen, vielleicht mit Freund:innen, vielleicht auch im Kollegium, darüber zu reden. 

    Nicht selten überschreitet die Gewalt gegenüber Pflegenden aber auch die Grenze des Hinnehmbaren. Der schlimmste Fall von Gewalt gegen Pflegende, der mir in meiner Laufbahn als Pflegefachkraft begegnet ist, war, als eine Kollegin von mir von einem Patienten, während sie allein in der Nachtschicht war, aufgelauert wurde. Sie wurde mit einer Glasflasche derart heftig auf den Kopf geschlagen, dass sie von Glück reden konnte, mit dem Leben davongekommen zu sein. 

    Gewalt zwischen pflegebedürftigen Menschen

    Derselbe Patient, der meiner Kollegin damals so übel mitgespielt hat, hatte wenige Minuten zuvor seinem Zimmernachbarn, einem älteren Herrn, der nach einem Schlaganfall halbseitig gelähmt war, mit derselben Glasflasche mehrfach ins Gesicht geschlagen. Besonders grausam erscheint diese Tat vor dem Hintergrund, dass sich besagter Zimmernachbar wirklich in keiner Form zur Wehr setzen konnte.

    Der Täter in diesem Beispiel war aber nun kein boshafter, hinterlistiger oder von Natur aus gewalttätiger Mensch: Er unterlag zum gegebenen Zeitpunkt schlichtweg einer psychischen Entgleisung und war nicht Herr seiner Sinne in jener Nacht. Sein Motiv für die Ausübung der Gewalt: Angst vor der eigenen Erfahrung von Gewalt.

    Besonders in der stationären Langzeitpflege kommt es aber auch immer wieder zu anderen, mal mehr und mal weniger direkten Formen der Gewalt. Vor dem Hintergrund einer demenziellen Erkrankung finden beispielsweise immer wieder Grenzüberschreitungen statt, die von anderen Personen nicht toleriert bzw. verstanden werden und auf aggressives Verhalten stoßen. Aggressives Verhalten kann aber auch aus einer demenziellen Erkrankung resultieren. 

    Ebenso finden auch in stationären Pflegeeinrichtungen Formen der Gewalt statt, die auch in anderen Formen des sozialen Zusammenlebens zu beobachten sind: Ausgrenzung, Gruppenbildung, Mobbing, sexuelle Belästigung bzw. Übergriffigkeit.

    Kommt es zur Gewalt zwischen Pflegebedürftigen, sind häufig Pflegekräfte gefragt, zu intervenieren. Dies kann heißen, dass man akut in Gewalthandlungen eingreifen muss oder auch durch Maßnahmen weiteren Gewalthandlungen vorbeugen kann.

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    Eine Sensibilität für das Thema „Gewaltfreie Pflege“ kann helfen, generell Kontexten vorzubeugen, in denen es zur Gewalt kommen kann. Dazu gehört ein umfassendes Verständnis der Bedürfnisse und Gewohnheiten der zu pflegenden Personen sowie eine an diesen Bedürfnissen orientierte und im machbaren Grade individualisierte Gestaltung des Tagesablaufs.

    Studien: Häufigkeit von Gewalt in der Pflege

    Gewalt in der Pflege ist nicht immer offensichtlich. Sie statistisch zu erfassen, ist schwierig. Aufgrund der hohen Privatheit von Pflegehandlungen bleibt zu vermuten, dass es eine hohe Dunkelziffer gibt.

    Gewalt-Bewohnerinnen

    Hier einige Zahlen (Quelle DGUV Forum 3/2023, Stiftung ZQP „Häufigkeit von Gewalt in der Pflege", ZQP Report „Gewaltprävention in der Pflege“):

    • Verbale Gewalt gegen Pflegekräfte: In einer Studie in Pflegeheimen in Nordrhein-Westfalen berichteten 69 % der über 1.300 befragten Mitarbeitenden von Gewalterfahrungen durch Bewohner in den vergangenen vier Wochen, primär verbale Angriffe (63 %), körperliche Gewalt (38 %) und sexuell übergriffiges Verhalten (14 %).
    • Psychische Belastung: 68 % aller Betroffenen fühlten sich nach Gewaltereignissen belastet, und etwa ein Drittel der Befragten, die Aggressionen ausgesetzt waren, fühlten sich psychisch erheblich belastet.
    • Problematisches Verhalten von Pflegekräften: In einer Befragung von Mitarbeitern ambulanter Pflegedienste berichteten etwa 39,7 % von mindestens einer Form eigenen problematischen Verhaltens gegenüber Pflegebedürftigen im Zeitraum der letzten zwölf Monate. Davon waren 21,4 % verbale Aggression und psychische Misshandlung, 18,8 % pflegerische Vernachlässigung, und 8,5 % physische Gewalt.
    • Aggressives Handeln unter Bewohner:innen: In einer Studie berichteten 69 % der Befragten aus 73 Pflege-Einrichtungen in Nordrhein-Westfalen von verbalen Aggressionen zwischen Pflegebedürftigen in den vergangenen vier Wochen. 33 % beobachteten körperliche Gewalt und 10 % sexuell übergriffiges Verhalten.

     

    Wie erkenne ich gewalttätiges Verhalten im Pflegekontext?

    Wie die Beispiele oben bereits gezeigt haben, ist es manchmal nicht leicht, Gewalt in der Pflege als solche zu identifizieren, manch anderes Mal ist es sehr offensichtlich. 

    Es ist bereits hilfreich, dass du dich gerade mit den unterschiedlichen Formen der Gewalt in der Pflege vertraut machst, um diese besser erkennen zu können. Denn egal, um welche Form der Gewalt es geht, es ist immer falsch, sie zu ignorieren oder die Augen vor ihr zu verschließen. Die Auseinandersetzung mit dem Thema schafft dabei eine Sensibilisierung, die es einem leichter macht, entsprechendes Verhalten frühzeitig zu erkennen, ohne mit ständigem Misstrauen durch die Welt zu gehen. 

    Eigenes Verhalten reflektieren

    Ebenso sollten Menschen, die sich für den Pflegeberuf entscheiden, stets offen dafür sein, sich selbst und ihr eigenes Verhalten kritisch zu hinterfragen und zu reflektieren. Der Beruf geht nun mal mit einem hohen Maß an physischer und psychischer Belastung einher und wir alle sind nicht davor gefeit, auch mal an die Grenzen unserer eigenen Belastbarkeit zu geraten. 

    Zeichnet sich eine solche Situation ab, ist es wichtig, dass man rechtzeitig auf die Überbelastung aufmerksam macht. Hier hilft es, wenn man das Gespräch zu seiner Führungskraft sucht, oder bei entsprechender Schwere der Belastung bei seinem Arbeitgeber eine Überlastungsanzeige stellt, bevor andere Menschen in Mitleidenschaft gezogen werden.

    Krankenbeobachtung

    Die Beobachtung der Pflegebedürftigen über die Betreuungszeit hinweg ist ebenso wichtig. Fallen dir als Pflegeperson bei einem Pflegebedürftigen Anzeichen auf, die auf eine physische oder auch psychische Gewalteinwirkung hindeuten. 

    Hier einige Beispiele für solche Anzeichen:

    • plötzliche Ängstlichkeit, Zurückgezogenheit oder Schreckhaftigkeit.
    • Wunden, Hämatome, Kratzer oder andere Verletzungen.
    • mangelnde Hygiene kann ebenfalls ein Zeichen für Gewalt durch Vernachlässigung/Missachtung sein.
    • Abdrücke auf der Haut, die auf eine unrechtmäßige Fixierung (Freiheitsentziehende Maßnahmen) hindeuten.
    • Gewichtsverlust, trockene Schleimhäute, verringerter Hautturgor als Folge von Mangelernährung und Dehydration.

    Ursachen von Gewalt in der Pflege

    Pflege kann anstrengend sein und das nicht nur beruflich Pflegende, sondern auch für Angehörigen und die Pflegebedürftigen selbst. Die Ursachen von Gewalt in der Pflege können vielfältig sein:

    Ursachen von Gewalt in der Pflege

    • Unwissenheit: Manche Menschen wissen nicht, dass sie Gewalt praktizieren, weil sie nicht entsprechend sensibilisiert sind
    • Überlastung: Lange Arbeitszeiten, eine hohe Arbeitsbelastung und Zeitdruck können zu Stress und Überforderung führen. Wenn Pflegende dann noch ihre eigenen Grenzen und Bedürfnisse ignorieren, kann dies in gewalttätigem Verhalten resultieren.
    • Psychische Erkrankungen der Pflegebedürftigen: Bestimmte Erkrankungen, wie Demenz oder psychische Störungen, können bei Pflegebedürftigen zu aggressivem Verhalten führen.
    • Unzureichende Ausbildung und Schulung: Fehlendes Training im Umgang mit schwierigen Situationen oder in der Kommunikation kann zu Missverständnissen und Konflikten führen.
    • Persönliche Probleme des Pflegepersonals: Private Stressfaktoren, wie familiäre Probleme oder finanzielle Sorgen, können sich auf die Arbeit auswirken. Auch pflegende Angehörige befinden sich oftmals in einer persönlichen Ausnahmesituation, auf die die wenigsten vorbereitet sind.
    • Kulturelle und sprachliche Barrieren: Unterschiede in Sprache und Kultur zwischen Pflegepersonal und Pflegebedürftigen können zu Missverständnissen und Konflikten führen.
    • Fehlende Präventionsmaßnahmen und Richtlinien: Das Fehlen klarer Richtlinien und Präventionsstrategien gegen Gewalt in Pflegeeinrichtungen kann das Risiko für gewalttätige Vorfälle erhöhen.
    • Abwehrreaktion auf unsensibles Verhalten: Oft ist Gewalt auch eine Reaktion auf unwirsches oder unhöfliches Verhalten des Gegenübers. Etwa, wenn die Pflegekraft ohne Vorwarnung Spritzen verabreicht oder die pflegebedürftige Person sich im Ton vergreift.

     

    Folgen von Gewalt

     Bei Betroffenen von Gewalt kann es unter anderem zu diesen Folgen kommen:

    • Psychische und emotionale Traumata: Auf Seiten der Pflegebedürftigen können sich Krankheitsbilder vertiefen, insbesondere bei psychischen Erkrankungen. Bei Pflegepersonal kann eine Konfrontation mit Gewalt im Arbeitskontext ebenfalls langfristige Konsequenzen bis hin zur Berufsunfähigkeit nach sich ziehen.
    • Physische Verletzungen: Gewalt kann zu körperlichen Verletzungen bei Pflegebedürftigen und Pflegepersonal führen, die von leichten Verletzungen hin zu schweren Schäden reichen können.
    • Vertrauensverlust: Gewalt untergräbt das Vertrauen zwischen Pflegebedürftigen und Pflegepersonal. Dies kann die Qualität der Pflege und die Beziehung zwischen den Beteiligten beeinträchtigen.
    • Verschlechterung des Gesundheitszustandes: Durch das Abhängigkeitsverhältnis, in dem sich Pflegebedürftige naturgemäß befinden, können sie das Gefühl bekommen, ausgeliefert zu sein. Dies kann dazu führen, dass sich der Gesundheitszustand verschlechtert, Pflegebedürftige sich sozial isolieren oder Behandlungen verweigert werden.

    • Arbeitsunzufriedenheit: Für Pflegekräfte kann die Erfahrung oder das Beobachten von Gewalt zu Arbeitsunzufriedenheit, Burnout und sogar zum Verlassen des Berufsfeldes führen.

    • Negative Auswirkungen auf die Einrichtung: Gewalt in Pflegeeinrichtungen kann deren Ruf schädigen, zu rechtlichen Konsequenzen führen und die Mitarbeiterfluktuation erhöhen.

    Wie verhalte ich mich, wenn ich Zeug:in oder Opfer von Gewalt in der Pflege werde?

    Vertrauen spielt eine große Rolle bei der Arbeit in der Pflege. Sowohl gegenseitiges Vertrauen in einem Pflegeteam, als auch das Vertrauen der Pflegebedürftigen gegenüber Pflegenden und umgekehrt. Und ebenso wichtig ist es in der stationären Langzeitpflege, dass sich die Bewohner:innen dort in einem vertrauenswürdigen Umfeld bewegen können. Dieses Umfeld stellt ja nun mal ihr Zuhause dar. 

    Eben weil das Vertrauen eine so große Rolle für alle Beteiligten spielt, ist es umso wichtiger, dass dieses Vertrauen nicht verletzt wird. Wir Pflegenden sollten derartigen Verletzungen gegenüber achtsam sein, ohne dass wir unserem Team und Mitmenschen im Arbeitsalltag nur noch mit Argwohn und Misstrauen begegnen. 

    Wenn du aber Anzeichen von Gewalt gegenüber pflegebedürftigen Personen wahrnimmst oder sogar Zeuge davon wirst, sollte der erste Schritt immer sein, die betreffende Person anzusprechen, zu hinterfragen oder Hilfe anzubieten.

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    Je nach Schweregrad ist es ratsam, sich auch mit weiteren Personen, z. B. einer vorgesetzten Person, dazu auszutauschen oder das entsprechende Verhalten dort anzuzeigen. 

    Dass letzteres kein leichter Schritt ist, ist gar keine Frage. Je nachdem, wen es betrifft und in welchem Verhältnis du zu dieser Person stehst, kann es sein, dass du dich schlecht fühlst, solltest du diese Person „verpetzen“. Ohne Frage bedarf ein solcher Schritt der sorgfältigen Abwägung, da er auch Auswirkungen auf die berufliche Existenz anderer haben kann. 

    Doch traue dich, Dinge direkt anzusprechen, die dir nicht richtig erscheinen. Sei es Verhalten von Pflegenden gegenüber Pflegebedürftigen, Pflegebedürftigen gegenüber Pflegenden oder Verhalten anderer dir selbst gegenüber. 

    Bedenke immer, dass es im Pflegeberuf am Ende des Tages darum geht, die uns zur Fürsorge anvertrauten Personen zu schützen und zu unterstützen, wo sie es selbst nicht mehr können. 

    Manchmal kann es auch hilfreich sein, wenn du dir bei einer dritten Person Rat suchst, der du vertraust, wenn du nicht weißt, wie du dich in einer Situation richtig verhalten sollst. 

    Darüber hinaus gibt es verschiedene Beratungsangebote, die sich teilweise sogar ganz gezielt dem Thema Gewalt in der Pflege widmen und an alle möglichen Beteiligten richten. Ein Beispiel für ein solches Angebot ist die Beratungsstelle „Pflege in Not“ der Diakonie-Mitte in Berlin.

    Wie kann ich Gewalt in der Pflege vorbeugen? 

    Durch eine Sensibilisierung für die Thematik rund um Gewalt in der Pflege und mögliche Erscheinungsformen kannst du gewalttätiges oder aggressives Verhalten frühzeitig erkennen oder auch im Moment des Auftretens unterbinden. 

    Sei achtsam für deine Mitmenschen, seien es Kolleg:innen oder Pflegebedürftige, Angehörige oder anderes medizinisches Personal in deinem Arbeitsumfeld. Durch diese Achtsamkeit können wir oft frühzeitig Anzeichen für drohende Gefährdungen erkennen und andere davor schützen, zu verletzen oder verletzt zu werden.

    Ein guter Anfang für vorbeugendes Verhalten liegt aber immer ganz nahe: bei dir selbst. Durch ausreichende Selbstfürsorge (z. B. Sport als Ausgleich zum Beruf, andere gesundheitsfördernde Maßnahmen) kannst du dafür sorgen, dass du selbst nicht an deine Belastungsgrenze gerätst und dich im Arbeitsalltag unter Kontrolle hast. 

    Noch mal: Es ist nicht schlimm, auch sein eigenes Verhalten kritisch zu hinterfragen oder sich einzugestehen, dass man für sich eine Belastungsgrenze erreicht hat. Diese Selbstreflektiertheit kann auch andere schützen. 

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    Solltest du das Gefühl haben, dass dein derzeitiger Job dich einer so starken Belastung aussetzt, dass auch die oben erwähnten Maßnahmen dir keine Aussicht auf ein erfülltes Arbeitsleben bieten, kann auch ein Arbeitgeberwechsel eine sinnvolle Option für dich sein. 

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